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100km Biel
(von Alfred & Ute, 10.06.2016)
Die Nacht der Nächte

Alfreds Bericht:

Wer als Langläufer mit einem Wettkampf reichlich Aufmerksamkeit sowie Bewunderung einheimsen will, sollte einmal von seiner Teilnahme am alljährlichen 100 Kilometerlauf mit 485 Höhenmetern in Biel (Kanton Bern) erzählen. Seit längerer Zeit spukte die Idee dazu in den Köpfen von Ute Rühl und Dr. Martin Abesser vom Bergen-Enkheimer Laufclub BELC89 herum. Nach ausgefeilter und erfolgreicher Vorbereitung mit entsprechenden Läufen über Langdistanzen, waren beide für diese Aufgabe bei der 58. Bieler Lauftagen am 10. und 11. Juni 2016 wohl gerüstet. Nachfolgender Bericht aus Sicht von Ute Rühl. Die Anreise erfolgte am Freitag früh. Als Fahrer, Motivator und treuer Helfer verdingte sich unser -1.Vorsitzender Manfred-Christian Fay. Das Außergewöhnliche an diesem Wettkampf ist neben der Distanz die Startzeit um 22:00 Uhr nachts. Ute Rühl am Nachmittag nervös: „Wie wird das Wetter? Was ziehe ich an? Was nehme ich zum Lauf mit?“ Speziell die letzte Überlegung war wichtig. Sich nicht gewichtsmäßig belasten, war die Devise. Mit das wichtigste Utensil war die Stirnlampe. Denn in der Nacht waren die nicht immer ebenen Wege auf keinster Weise ausgeleuchtet.

Voller Erwartung begaben sich alle Teilnehmer zum Startbereich an der Bieler Kongresshalle. Um Punkt 22:00 Uhr fiel unter dem Jubel der Zuschauer der Startschuss. Bei Kilometer 7 erwartete alle die erste Herausforderung in Form einer sehr ernst zu nehmenden Steigung. Kenner der Strecke wie unsere Vereinsmitgliedern Willi Gutmann und René Miche gaben Ute Rühl mit Recht den Tipp auf den Weg, die Steigungen nicht hoch zu laufen sondern nur hoch zu marschieren. Auf dem ersten Gipfel empfingen uns nicht nur Alphorn und Akkordeon, sondern auch die ersten Ausläufer eines Gewitters in Form von Blitz und Donner. Es dauerte nicht lange und es goss aus Kübeln. Jeder der jetzt eine Regenjacke dabei hatte, konnte sich glücklich schätzen. Stockdunkel und extrem feucht, des Läufers liebstes Wettkampfwetter. Bei Kilometer 18 vor Aarberg regnete es immer noch in Strömen. Keiner durfte an die noch fehlenden 82 Kilometer denken. Auszug aus Ute Rühl`s Laufbericht: "Vor Lyss bei km 20 ließ der Regen etwas nach. Es wurde immer einsamer. Es ging durch ein kleines Waldstück, eigentlich ganz meditativ, so im Dunkeln durch den Wald zu stampfen. Vor und hinter mir ab und zu eine flackernde Stirnlampe, sonst nur ein Waldkauz, der sich wohl gestört fühlte. Alle 5 Kilometer gab es eine Verpflegungs-station, welche keine Wünsche offen ließ. Trotz nachtschlafender Zeit war ich nicht müde. Lag wohl am Cola, das mich im Wachmodus hielt. Trotzdem, hinter Jegenstorf Kilometer 50, oh weh, erst die Hälfte geschafft". Jede Starter wusste, was ab Kilometer 56 auf ihn zu kam. Der in Fach-kreisen hochgelobte "Ho Chi Minh Pfad, ein schmaler Fußweg. Große Steine und Baumwurzeln boten sich als perfekte Stolperfallen an. Nach 10 Kilometern unfallfreiem laufen, hüpfen und springen war es überstanden. Dr. Abesser: "Gerade dieses Teilstück war doch recht gefährlich. Zumal die Beinmuskulatur so langsam, beeinflusst durch Nässe und aufziehender Kälte, nicht mehr elastisch genug reagierte" Die Kilometer fingen an, sich wie Kaugummi zu ziehen. Trotzdem wurde irgendwann Kilometer 70 erreicht. Die Sonne zeigte sich und begann die durchnässten Läuferinnen und Läufer etwas zu erwärmen. Dr. Abesser bezwang die letzte Steigung laufend, Ute Rühl nach Vorgabe gehend.

Dann kündigte sich bei der 80 Kilometer Verpflegungsstelle in Form eines rabenschwarzen Himmels der nächste Regenguss an. Kurz darauf waren alle noch laufenden Sportler wieder komplett nass te Rühl fiel dabei der uralt Song von Holm ein. "Barfuß im Regen und naß bis auf die Haut. Aber wir tanzen und tanzen". Barfuß und tanzen mitnichten, der Rest aber zum xten Mal. Dr. Martin Abesser legt nach Überschreitung der Ziellinie schon die Füße hoch, als von Ute Rühl bei Kilometer 99 ein eindrucksvolles Foto , sogar mit leichtem Sonnenschein, gemacht wurde. Dr. Martin Abesser benötigte für die 100 Kilometer 11:50:58 Stunden. Ausgesprochen glücklich mit ihrer gezeigten Leistung von 14:01:15 Stunden. war Ute Rühl. Das Warten auf den Fotografen bei Kilometer 99 kosteten eine 13er Zeit. Der 1. Vorsitzende Fay brachte unsere 2 Helden wieder wohlbehalten zurück. Sekt während der Fahrt für die Teilnehmer war nun nicht mehr tabu.


Utes Bericht

Martin und ich haben uns diesen "kleinen" Traum erfüllt. Wir reisen am Freitag mit etwas zähfließendem Verkehr nach Biel. Unserem Fahrer, el Presidente "Mannix", hat es glatt die Stimme verschlagen, aber er ist sehr tapfer und versucht uns, wo er nur kann zu unterstützen. Nachdem dem Abholen der Startunterlagen machen wir es uns im und am Campingbus von Martin gemütlich. Ordentlich essen, ausruhen und im Gedanken schon mal die 100 km durchgehen.

Allmählich wird es ernst. Was nehme ich mit, was ziehe ich an? Ich hatte quasi meine komplette Laufausrüstung in 5facher Ausführung eingepackt, weil ich mich nicht für das passende Outfit entscheiden konnte. Martin war da ganz pragmatisch: Hose, T-Shirt, noch ein Halstuch (es könnte ja frisch werden ?), Stirnlampe, fertig.

Dann wird es auch für uns Zeit. Wir machen uns auf den Weg in Richtung Start. Die Anspannung ist enorm, denn wenn ich an das denke, was vor mir liegt, fängt mein Herz schon heftig an zu schlagen. Martin ist wie immer super drauf, aber auch er hat Respekt vor der Strecke. Mannix hat inzwischen seine Stimme komplett verloren und kann nur noch flüstern. Er freut sich auf das kuschlige Bett im VW- Bus, der Glückliche, denke ich mir. Die Dämmerung hat bereits eingesetzt, auf der Treppe des Kongresshauses heißt es nun abwarten, bis wir uns in den Startbereich begeben können. Noch einmal alles durchgehen: Hat man alles dabei, nehme ich die Jacke nun mit oder nicht? Martin rät mir davon ab, ich binde sie mir trotzdem um die Hüfte. Jetzt kann es endlich losgehen.

Zusätzlich zu der traditionsreichen 100 km-Strecke wird zum ersten Mal auch ein Ultramarathon über 56 km ausgetragen. Allmählich traben wir Richtung Startaufstellung. Mannix hält die letzten Momente, bevor es losgeht, fest.

Ein lauter Knall ertönt und es geht los. Die "Toten Hosen" verabschieden uns mit ihrem "Tage wie dieser" und wir laufen an Hunderten von kräftig jubelnden Zuschauern vorbei. Es ist noch ziemlich warm. War es doch ein Fehler mit der Jacke? Vielleicht hatte Martin doch Recht mit seinem "aller Ballast bleibt im Bus!"

KM 1 ist schon geschafft, na läuft doch super. Bei Kilometer 7 kommt die erste Steigung in einem Wohngebiet. Ich erinnere mich an Willi und René, die mir sagten, einfach locker hochmarschieren, auch wenn alle rennen. Gesagt, getan, die erste Gemeinheit ist geschafft. An der höchsten Stelle steht ein junger Mann mit einem Alphorn und nicht weit entfernt ein weiterer Musikant mit Akkordeon . In der Ferne sehe ich die ersten Blitze. Blos kein Gewitter, denke ich mir. Der Wind frischt auf, wir kommen jetzt aufs freie Feld, der Wind wird stärker. Oh je, das sieht nicht gut aus. Jetzt auch noch Gegenwind, er wird so heftig, dass es mir den Staub des Feldweges ins Gesicht blässt. Die ersten Tropfen und dann geht es los, es gießt wie aus Eimern. Zum Glück habe ich mein dünnes Wind-Jäckchen mit. Im Nu bin ich pitsche patsche nass. Wie wird es wohl Martin gehen?? Wenn das so durchregnet höre ich bei km 56 auf. Patsch… gleich in eine Pfütze, egal, die Schuhe sind eh schon vollgelaufen.

Bei km 18 erreichen wir die Holzbrücke von Aarberg. Die Brücke ist aus dem dem 16. Jahrhundert, hier stehen viele Zuschauer Spalier - ein erstes Highlight für uns Läufer und 50m regenfrei. Es regnet immer noch in Strömen und es ist sackdunkel. Der Regen lässt etwas nach und es wird immer einsamer. Es geht durch ein kleines Waldstück, eigentlich ganz meditativ, so im Dunkeln durch den Wald zu stampfen. Vor und hinter mir ab und zu eine flackernde Stirnlampe, sonst nur ein Waldkauz, der sich wohl gestört fühlt. Es geht weiter in Richtung Lyss. Hier dürfen nun die Radbegleiter einsteigen.

Es gibt ca. alle fünf Kilometer Versorgungsstationen. Es gibt alles was das Herz begehrt: Wasser, Cola, Tee, Iso-Getränke, Boullion (Fleischbrühe), Brot, Bananen, Äpfel, Orangen, Riegel, Gel, Linzer-Törtchen und vieles mehr. Ich bleibe immer stehen und nehme 1 Wasser, 1 Boullion, 1 Cola, 1 Wasser noch hinterher und zwei Stückchen Banane. Immer das gleiche und das 100km lang. Ich bin super wach, weil ich ja sonst nie Cola trinke und selbst im Auto auf der Heimfahrt habe ich keinen Durst, dafür muss ich jetzt laufend in die Büsche. Wahrscheinlich ein bisschen zu viel des Guten. Nach der Versorgung immer wieder locker antraben. Jede Versorgungsstelle ist mein nächstes Nahziel.

Es geht in Richtung Etzelkofen und weiter nach Kirchberg. KM 50 ist geschafft, ich fühle mich gut und freue mich auf km 56, hier haben die "703-3482135" ihr Ziel erreicht. Ich erinnere mich, hier gibt es eine Massage. Mark Meyer sagte mir „gönn´ Dir das, bevor es auf den Emmendamm geht“. Ein Blick durch die Fenster zeigt mir, alle Massageliegen besetzt, also weiter gehts. Der berühmte "Ho Chi Minh Pfad", ein schmaler Fußweg, mit teilweise dicken Steinen und Wurzeln, ab Kilometer 56, ca. 10 Kilometer lang, einem Fluss folgend.

Es ist schon hell und man kann zumindest die Bodenstrukturen erkennen, auch wenn das Füße heben nicht mehr so leicht ist. Martin fand es recht gefährlich, weil er noch im Dunkeln dort zurecht kommen musste. Außerdem hatte er noch Regen und ihm war kalt (ihm fehlte eben das Jäckchen). Er hatte teilweise ein ziehmlich mulmiges Gefühl im dichten Buschwerk zu verschwinden. Martin ist fast den kompletten Ho Chi Minh Pfad gegangen. Er hatte unterwegs wohl einen netten mitlaufenden Hotel-Manager getroffen, der ihn aufmunterte. Geschafft ! Am Ende des "Ho Chi Minh Pfads" endlich wieder eine Versorgungstelle. Allerdings zeigt das Bild unten, dass man es hier sehr schwer hatte, trockenen Fusses an seine Fressalien zu gelangen. Als Martin und ich dort vorbeikommen, steht diese komplett unter Wasser. Auch Martin berichtet gleich von dieser schrecklichen Verpflegungsstelle, weil sie auch unter einen Brücke liegt und ziemlich beengt und düster wirkt. Selbst die Verpflegenden sind nicht so super drauf.

KM 75 ist erreicht, es geht mir gut und wegen der vielen Cola bin ich hellwach. Immer weiter denke ich, was macht Martin, er hat es bestimmt gleich geschafft. Jetzt werden auch die km angezeigt, die ich noch zu laufen habe. Nur noch 25 km, das sollte doch locker zu schaffen sein. Ich bin mir sicher … das Ziel wird erreicht. Außerdem kommt kurz die Sonne heraus und meine Jacke kann ich zum ersten Mal wieder um die Hüfte schwingen.

Ein Michelstädter Mitläufer ist ganz begeistert und betont immer wieder, dass ich das so locker Laufe und dann gleich beim ersten Mal. Das gibt Kraft und gleich kommt wieder die nächste Verpflegungsstelle. Der Herr aus Michelstadt warnt mich noch vor der nächsten Steigung, aber dann sei es auch geschafft. Ich freue mich. Jetzt möchte ich auch so langsam das Ziel erreichen, denn die Kilometer ziehen sich bei meinem Tempo wie Kaugummi. Die Steigung wird wie immer gemütlich hoch gegangen. In meiner Preisklasse ist niemand, der das Ding hoch läuft.

Auf der anderen Seite geht es wieder steil bergab, auch nicht gerade angenehm, laufen lassen geht hier nicht mehr. Gleich kommt KM 80. Mannix und ich hatten ausgemacht, dass er mir eventuell mit dem Rad entgegenkommt und wir uns bei km 80 treffen. Aber nur, wenn er nicht völlig hinüber ist und wenn es nicht schüttet. Verpflegungsstelle KM 80, der Himmel wird wieder dunkel. Mein Michelstädter Kollege gönnt sich erst mal einen Kaffee, ich nehme das übliche und weiter geht’s bevor der Regen kommt. Ausgerechnet dort, wo der Himmel am schwärzesten ist, muss ich hinlaufen. Mist! Und schon geht es wieder los. Wieder nass bis auf die Haut. Jetzt muss ich hier noch durch, es ist doch nicht mehr weit. Mein Kollege aus Michelstadt hat noch mal ordentlich beschleunigt um schneller durch den Regen zu kommen, weg ist er. Ich versuche noch einmal meinen Kopfhörer in Gang zu bringen. Ich hatte mir extra für den Lauf AC/DC heruntergeladen, aber es funktioniert nicht. Schade, das hätte jetzt geholfen.

KM 90, der Regen lässt nach und meine Lust auch. Nur noch 10 km, jetzt reiß Dich zusammen und laufe. Eigentlich könnte ich mal gehen. Ich überlege, aber doch jetzt nicht, nicht auf den letzten 10 km, wenn Du schon 90 geschafft hast. 2 KM überlege ich ob ich jetzt gehe oder noch bis zur nächsten Verpflegung warten kann. Reine Kopfsache. Dann kommt Mannix. Die Stimme ist noch weg, aber gleich geht es besser, frau will ja nicht schwächeln. Er sagt "das schafft Du locker unter 14 Stunden", ich werde schneller. Alles ist nass und Mannix hat trockene Sachen im Gepäck, aber jetzt zu wechseln kostet zu viel Zeit. Er erzählt mir von Martin und dass er schon im Bus liegt und schläft. Ich freue mich, dass er alles gut überstanden hat, auch ohne "Jäckchen".

Gleich geschafft und außerdem scheint jetzt auch wieder die Sonne, aber nur kurz. Ich kann sogar jede Brücke hochjoggen. Es geht mir gut und ich bin glücklich.

KM 99, Mannix wartet mit dem Foto. Das muss unbedingt festgehalten werden. Wer weiss, ob man das noch einmal macht. Inzwischen regnet es schon wieder. Endspurt, ich kann richtig spurten und ich fühle mich nicht anders als nach 10 km, das müssen die Glückshormone sein.

Das Ziel, einmal noch um die Kurve. Mannix hat inzwischen die Filmkamera herausgeholt. Noch einmal bleibe ich kurz auf dem blauen Teppich stehen und jubele dem Fotografen zu, aber leider ohne Erfolg. Wahrscheinlich war ich zu schnell für ihn.

Martin schläft im Camper. Ich hole mein Finisher Shirt ab und gehe duschen. Im Finisher-Zelt warte ich auf Mannix und Martin, die das Auto für die Heimfahrt klar machen. Es regnet ohne Ende und ich denke an die Läufer, die noch draussen auf der Strecke sind. Falls jemand mal Lust hat das zu schaffen, kann ich nur sagen: Es geht und es geht sogar gut. Irgendwann kommt der Punkt an dem Du weisst, Du kannst die 100 km laufen und das ist ein tolles Gefühl. Martin hatte auch die letzten 15 km wieder gut Kraft geschöpft und konnte noch einmal richtig Gas geben, es geht auch ab KM 85, der Kopf muss einfach mitspielen. Mannix fährt uns sicher nach Hause, während Martin und ich uns einen Sekt gönnen. Wir stoßen auf die 100 km, seinen Geburtstag und die gewonnene Erfahrung an.


Hier ist Utes toller Laufbericht mit allen Bildern als pdf:

http://www.belc89.de/files/galerie-galerie-volkslaeufe-2016/20160610_Biel.pdf

ENDE GUT ALLES GUT